März 1998
Softwarelabor der FH
Esslingen
Techno-Kids entdecken ihre Talente
Das bundesweit bislang einzigartige Projekt „Computer
Clubhouse Esslingen“ hat mittlerweile seinen festen Platz im
Stundenplan der in der Neckarstadt ansässigen Fachhochschule für
Technik. Die Idee, Kindern Gelegenheit zu geben sich kostenlos den
Umgang mit dem Computer anzueignen, stammt aus den USA. Finanziert
wird die Einrichtung mit Hilfe von Sponsoren und Mitgliederbeiträgen.
Esslingen. „Ich möchte auch mal im Internet
surfen“. Die zehnjährige Jana sieht ihren Mentor erwartungsvoll
an. Der verschafft ihr daraufhin mit ein paar Tastendrucken den ersehnten
Eintritt in das Chat-Vergnügen und fügt ermutigend hinzu: „Das
nächste Mal kannst du das aber dann bestimmt schon selbst“.
Jana ist glücklich. Ebenso wie die anderen Mädchen, die endlich
einmal unter sich und ohne die hämischen Bemerkungen der Jungs
ihre ersten Gehversuche in der sonst so abstrakten Computer-Welt unternehmen.
Heute ist Dienstag und das ist ihr Tag. Zwischen 14.30 und 18 Uhr haben
sie im „Computer Clubhouse Esslingen“ (CCE) Gelegenheit
henrauszufinden, was man mit diesen hochtenologischen Apparate so alles
anstellen kann. Kommen sie einmal nicht weiter, können sie sich
jederzeit an die anwesenden MentorInnen wenden. Diese bestehen zumeist
aus Studierenden der Fachhochschulen für Technik (FHTE) und Sozialwesen
(HfS). „Für sie bietet sich unsere Einrichtung geradezu
an“, erklärt Diplomingenieur Olaf M. Zanger, einer der beiden
hauptamtlichen Mitarbeiter des CCE. Vor allem den zukünftigen
AbsolventInnen der Fachhochschule für Sozialwesen liefert die
ehrenamtliche Arbeit im Computer Club jede Menge Erfahrungen, die sie
dann beispielsweise in ihren Diplomarbeiten verarbeiten können.
Die Idee, eine solche Einrichtung auf die Beine zu
stellen, brachte Dr. Hermann Klinger von der Esslinger Maschinenbaufirma „Festo“ aus
dem US-amerikanischen Boston mit. Dort können computer-interessierte
Kids schon seit 1993 den Umgang mit Bites und Bytes spielerisch erlernen. „Viele
Jugendliche kennen diese modernen technologischen Werkzeuge beispielsweise
vom Fernsehen. Aber für sie ist das etwas völlig fremdes“,
erklärt Dr. Mitchel Resnick, Professor der Erziehungswissenschaften
am Massachussetts Institute of Technology (MIT) in Boston und Mitbegründer
des dort angegliederten „Computer Clubhouse“. Er sowie
die Direktorin der Jugendeinrichtung, Gail Breslow, zeigten zusammen
mit ihrem Team bereits mehr als 1.500 jungen Menschen zwischen zehn
und 18 Jahren den Weg in das virtuelle Leben. „Dabei wollten
wir vor allem Kids aus dem sozial schwachen Milieu den Zugang zu solchen
teuren Anlagen ermöglichen“. Dieses Engagement, finanziert
durch Spenden namhafter Stiftungen, Firmen und Konzerne, brachte dem
Bostoner „Computer Clubhouse“ im November des vergangenen
Jahres sogar einen Preis ein, den mit 25.000 US-Dollars dotierten „1997
Peter F. Drucker Award for Nonprofit Innovation“.
Mittlerweile ist bereits eine ganze Reihe anderer
Club-Häuser
an das Projekt angeschlossen. Allein in Boston haben bereits vier Clubs
die Türen für die Jugendlichen geöffnet, eine weitere
Einrichtung besteht in Brooklyn - und nicht zuletzt die in Esslingen.
Das soll allerdings nicht so bleiben, denn längerfristig gesehen
ist eine weltweite Vernetzung zwischen den Club-Häusern geplant.
Unterstützt wird das Unternehmen auch vom Computer-Papst Bill
Gates. Er ist davon überzeugt, daß die Nutzung der Informationstechnologie
eines Tages genauso selbstverständlich vonstatten gehen wird,
wie die Nutzung des Autos, des Telefons und des Fernsehers. Der Wandel
zur Informationsgesellschaft sei noch im Gange. Wenn dieser dann gänzlich
vollzogen ist, „werden wahrscheinlich unsere Kinder die einzigen
sein, die von den Möglichkeiten der Machbarkeit nicht mehr überrascht
sind.“
Ähnlich sehen es auch die Initiatoren des „Computer
Clubhouse“ in
der Neckarstadt. „Unsere Zukunft liegt in den Köpfen unserer
Kinder“, erklärt Hermann Klinger. Damit diese auch entsprechend
gefördert werden, ist keinem der Ehrenamtlichen die Suche nach
Sponsoren und Kontakten zuviel. „Jeder Motor braucht eine Zündkerze,
damit er läuft“, lobt der Rektor der FHTE, Dr.-Ing. Dieter
Birkle, das diesbezügliche Engagement von Prof. Dr. Hermann
Kull, Leiter des Softwarelabors.
Die Adaption der Bostoner Einrichtung beschränkt
sich jedoch nicht auf die organisatorische Umsetzung des Projekts.
Auch der soziale Aspekt
wurde vergleichsweise übernommen. „Bei uns in Deutschland gibt es ebenfalls viele Kinder, die nach der
Schule nicht wissen wohin. Sinnvolle Freizeitgestaltung für
die Kids sollte deshalb gerade im Hinblick auf den Mangel an Ausbildungs-
und Arbeitsplätzen im Vordergrund stehen. Die Kinder von heute
bilden die Gesellschaft von morgen, und deshalb müssen wir in
sie investieren“, erklärt Olaf Zanger. „Das Internet
ist ein Spiegelbild der Gesellschaft“, meint auch Diplomsozialarbeiterin
Barbara Meier. Die beiden hauptamtlichen Mitarbeiter sind glücklich über
die Fügung, daß die zwei Fachhochschulen ihr erstes gemeinsames
Projekt auf diese Weise durchführen. Barbara Meier: „Wir
tragen gemeinsam die Verantwortung für die Kids. Ich lerne hier
die technische Seite kennen“, - „und ich die pädagogische“,
ergänzt Zanger.
Damit auch die Eltern der High-Tech-Kinder deren Computer-Kauderwelsch
künftig verstehen, bietet der CCE ihnen ebenfalls Kurse an.
Dabei erkennen sie zudem, daß ihre Sprößlinge die
Nachmittage nicht mit sinnlosen Computer-Spielen vergeuden - die
sind hier übrigens
absolut tabu - sondern sich mit Zukunftstechnologien befassen. Vielleicht
beeinflußt das später auch mal ihre Berufswahl. Denn wo
sonst können sie für die einmalige Zahlung einer Versicherungsgebühr
von sieben Mark lernen, wie man beispielsweise Videofilme an einem
digitalen Schnittplatz bearbeitet? Wo sonst haben Schüler die
Möglichkeit, ohne Leistungsdruck und Erfolgszwang an einer Sache
zu arbeiten, die ihnen obendrein auch noch Spaß macht? Wo sonst,
wenn nicht hier, werden Kinder nicht daran gemessen, welche Schule
sie besuchen? Vor allem bei letzterem ist sogar genau das Gegenteil
der Fall. Gerade für Hauptschüler sei doch der Umgang mit
dem Computer wichtig, meinte Kull - und nahm kurzerhand Kontakt
zu einer nahe gelegenen Schule auf. Deren Rektor sei darüber
fast gerührt gewesen, weil sich doch sonst kaum jemand um diese
Schüler
kümmere. Und im CCE können sie jetzt sogar lernen, wie
man einen Dinosaurier digital zum Leben erweckt. Mit solchen Aktionen
baut
selbst der Schüchternste ein ungemeines Selbstbewußsein
auf.
Und ganz stolz sind die kleinen wie die großen
Computer-Freaks, wenn sie gar die nationale Wirtschaft mit ihrem Tun
beeinflussen. Denn
Sponsoren zahlen beim CCE nicht drauf, sie bekommen auch etwas für
ihr Geld: Es konnten nämlich bereits einige Prototyp-Projekte,
unter anderem für eine Bank und einen Konzern, erfolgreich entwickelt
und umgesetzt werden.
Wer also noch weitere Informationen über den CCE wünscht,
darf sich jederzeit an das Sofwarelabor wenden, Telefon 0711/397-4370,
-78 oder per Fax -72. (ca. 6.620 Anschläge)
REDAKTION
Adriana Rossi - aropra Presse- und PR-Service - E-Mail: info@aropra.de
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