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own032 / Juli 1993 / Januar 1994 Mit dem „Fuego“ nach Rußland Wenn Eine eine Reise tut ... Wer sagt denn, daß abenteuerliche Überlandfahrten nur mit einem Geländewagen durchgeführt werden sollten? Ein Renault „Fuego“ – das spanische Wort für „Feuer“ –, Baujahr 1981, tut es auch. Vor allem, wenn die Reise nach St. Petersburg geht, empfiehlt es sich, ein älteres Fahrzeug zu nutzen. „An dem Auto ist doch nicht mal mehr ein Russe interessiert. Und wenn Reparaturen notwendig sind, na und? Da drüben sind sie findig, denen wird schon etwas einfallen.“ Das waren die Überlegungen vor Fahrtbeginn. Allerdings mußte „frau“ sich zuvor noch tausend Argumente anhören, warum sie die Reise doch lieber nicht antreten sollte, weder jetzt Anfang März noch sonst irgendwann: „Allein, bei diesem Wetter, in dieses Land, das ist doch der reinste Selbstmord!“ Doch gab es auch andere, die, begeistert von so viel Entschlußkraft und Mut, jede Menge Tips lieferten: „Das Auto braucht verbleites Benzin. Nimm das Beste, das mit der höchsten Oktanzahl.“ Es ist kalt in Baden-Württemberg, die Temperaturen sind eisig, doch wenigstens ist es trocken. Der „Fuego“ ist vollgepackt mit Ersatzkanistern, Schneeketten, Bierflaschen für die finnischen Freunde, und einer riesigen Menge an Spendengütern, die von Second-Hand-Kleidung bis hin zu Medikamenten reicht. Nicht einmal auf dem Beifahrersitz ist noch Platz. Trotz seines Alters wurde der Renault nicht viel gefahren. Bei der Abfahrt zeigt der Kilometerstand gerade mal 74.380 an. An einem Mittwochmorgen um 8.30 Uhr geht es in Göppingen los. Angesichts der Ladung und des nicht mehr ganz so frischen Zustands des Vehikels ist langsames Fahren angesagt. Um 19.30 Uhr – Hamburg in Sicht! Hier ist eine Übernachtung bei Freunden geplant. Doch wohin mit dem ganzen Gepäck? Ausladen? Nein! Da, es gibt eine Baustelle ganz in der Nähe. Ein Trupp aus Dänemark nächtigt da in Wohncontainern, direkt an ihrem Arbeitsplatz. Der Bauleiter zeigt sich von dem Vorhaben beeindruckt und bietet „frau“ an, das Auto so wie es ist, bis zum nächsten Morgen hier stehen zu lassen. „Nachts sperren wir das Grundstück ab“, erklärt er.
Am darauffolgenden Tag, nach einem Bummel durch Hamburgs „Hanse-Viertel“ geht es weiter nach Travemünde zum Skandinavienkai. Der letzte Check an einer vollausgestatteten, westlichen Tankstelle. Öl und Reifendruck, alles o.k. Ein Lkw-Fahrer, der gerade sein Führerhaus abspritzt, bietet der Abenteurerin spontan an, ihr Auto ebenfalls zu waschen – und sie danach auf einen Kaffee im Truck-Stop „Panderosa“ einzuladen. Auch er scheint sehr angetan von dem Unternehmungsgeist der „Fuego“-Fahrerin. Um 17 Uhr geleitet er sie dann mit seinem Brummi direkt bis zur Anlegestelle der finnischen „Silja-Line“. Die „Finnjet“ wird bis zum Samstagmorgen das schwimmende Zuhause für den alten Renault und seine junge Fahrerin sein.
Am Sonnabend um 8.30 Uhr legt die Fähre im Hafen von Helsinki an. Eisschollen bedecken die Ostsee. Schnee und trübes Wetter verheißen eine anstrengende Weiterfahrt, denn Sankt Petersburg liegt noch weit – zumindest für diese Verhältnisse. Denn eigentlich sind es nur rund 450 Kilometer. Doch die Tage im hohen Norden sind verdammt kurz. Deswegen, und weil die Finnen so ein geselliges Völkchen sind, verweilen die Deutsche und ihr Franzose bis zum nächsten Tag in der finnischen Hauptstadt. Auch wenn die beiden sich jetzt fern der Heimat befinden, so sind es bislang doch nur 942 gefahrene Kilometer. Tags darauf zeigt sich alles von seiner besten Seite: Die Straßen sind vorbildlich geräumt, die Oberfläche des meterhohen Schnees glitzert in der Sonne – es ist einfach herrlich! Um 13.30 Uhr setzt sich das vollgeladene Gefährt in Bewegung. Bis zum insgesamt 1.133. Kilometer läuft alles nach Plan. Es ist 16.10 Uhr an der finnisch-russischen Grenze. Jetzt wird es spannend. Die zumeist jungen Grenzer staunen nicht schlecht über die offensichtlich lebensmüde Fahrerin. Doch nach einigem Geplänkel über die an Bord befindlichen Musikkassetten und das eindrucksvolle Auto – „Der hat ja einen Zwei-Liter-Motor!“ – verläuft die Kontrolle im wesentlichen reibungslos. Nur die Anmeldung für das Auto bereitet den Grenzern offensichtlich Schwierigkeiten, da sie auch hierfür eine Art „Visum“ haben wollen. Russischkenntnisse sind in solchen Situationen doch recht vorteilhaft, und so geht alles schließlich gut aus. Die letzte Etappe aber erweist sich als kleine Tortur. Schneeketten braucht der „Fuego“ trotz der katastrophalen Straßenverhältnisse immer noch nicht. Doch inzwischen bricht die Nacht herein. Es ist Vollmond – und das Gelände der Karelischen Landzunge wirkt gespenstisch. Es gibt kaum Gegenverkehr – und wenn, dann handelt es sich um Lkws, die zu passieren einem angesichts der nur einspurig geräumten Straße den Angstschweiß ausbrechen läßt. Denn das Auto folgt mehr den tiefen Rillen denn den Steueranweisungen seiner Fahrerin. Und von den Rillen gibt es eben nur zwei ... Immer wieder tauchen Barrieren auf, an denen sonst die Fahrer anhalten müssen. Doch als die dunklen Gestalten das Fahrzeug als Pkw mit deutschem Kennzeichen identifizieren, winken sie nur freundlich durch. Vermutlich wußten sie bereits von den Grenzern über Funk, daß die Ladung nicht besonders wertvoll ist ...
Um 21 Uhr ist es endlich geschafft: Nach knapp 1.300 Kilometern – Ankunft im ehemaligen Leningrad. Hier ist das Benzin billig, der Parkplatz bewacht, (wobei sich die Preise nach der Automarke richten), und der Wodka fließt in Strömen. Entgegen aller Erwartungen sind die Russen an dem Auto, nach dem sich in den westlichen Industrieländern kein Mensch mehr umdreht, sehr wohl interessiert. „Es hat einen starken Motor, viele Extras, und sieht so schick aus“, lautet die Argumentation der „Bären“. Sogar noch Monate später, nach all den materialverschleißenden Fahrten in der ehemaligen russischen Hauptstadt mit ihren Schlaglöchern, nicht abgesicherten Straßenbaustellen sowie Kanaldeckeln, die neben den Öffnungen liegen, anstatt auf ihnen, ja selbst danach rissen die Kaufangebote nicht ab. Doch der feurige Franzose brachte seine Fahrerin treu ergeben und ohne daß größere Reparaturen notwendig geworden waren, den ganzen Weg auch wieder zurück. (ca. 6.200 Anschläge)
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TEXT Adriana Rossi |