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baz003 / Dezember 1994 Joana, René Egles, Harald Immig und Pe Werner in Hockenheim Durch vier Mondphasen Hockenheim – Das Pumpwerkteam Hockenheim veranstaltete die „Große Nacht der Lieder“ unter der Moderation von Joana Emetz in der Hockenheimer Stadthalle. Was die Besucher zunächst erwartete, war ein Saal mit einer hervorragenden Akustik, viel Chrom und kühlem Grau. Doch dann gab es noch diesen pinkfarbenen Notenständer auf der Bühne – und der sollte nicht der einzige Farbklecks an diesem Abend bleiben ... Der erste Künstler war der Elsäßer René Egles. Begleitet von zwei weiteren Musikern brachte er dem Publikum mit dem einfühlsamen, melodischen Lied „Zwische zwei Stühle“ die Problematik des französisch-deutsch-französischen Gebietes und die damit verbundenen Identitätsprobleme seiner Bewohner näher. Joana bezeichnete René Egles und seine Begleiter als „Sterne“, wobei Joana wiederum zu „Frau Luna“ wurde – und das Abendprogramm kurzerhand in „Vier Mondphasen“ einteilte. Daraufhin stimmte der „Abendhimmel“ ein Duett an, ein Chanson über die Vergänglichkeit des Lebens, und natürlich über die Liebe ... Eine Legende sagt, daß das Meer den Sand brachte, aus dem die Steine des Straßburger Münsters gemacht wurden, die von saurem Regen zerstört werden. „S'Minschter geit longsom z' Grond“, klagt René Egles. Doch er hat auch seine heiteren Seiten, der ehemalige Lehrer aus dem Elsaß. Das bewies er in seinem nächsten Stück. Und wieder ging es um das Münster, genauer gesagt um die Figuren an seinen Außenwänden. Die haben nämlich „Die Nase voll von den Touristen“, und so erfahren wir, was sie dann nachts tun: Die „Astro-komische Uhr“ spielt einen Dixi, und dann „schlets drizehn“! Inspiriert durch die Französische Revolution mit ihren drei Losungsworten „legalité, égalité et fraternité“, stellt René Egles noch die berechtigte Forderung nach „les droits de la différence“, nach Toleranz. „Du bisch net wie i, i bin net wie du; wer isch'n dann richtig, bin isch 's oder du?“, fragt er, stellt jedoch dann fest, daß die Menschen zwar im Leben ganz anders sein mögen, im Tode aber gleich sind. Südamerikanisch... Mit südamerikanischem Rhythmus ging es dann weiter zu den kleinen Problemen des Lebens, wie zum Beispiel „Em Vadder sine Schlappe“, die ständig irgendwo verlegt sind. Scheint dieses Problem endlich gelöst, fehlt plötzlich seine Brille und die Oma vermißt ihr Gebiß ... Ein besonderes Anliegen des René Egles ist die vom Aussterben bedrohte Sprache des Elsaß. Er setzt seine ganze Hoffnung auf die Kinder, die das verhindern sollen, schreibt für sie Lieder, und bittet schließlich in einem Gitarren-Trio „Let misch treime ... von nem Ländl, wo isch d'Kinder ... und wo ons d'Kinder no versteh“. Französische Revolution Zusammen mit Joana singt er dann noch einmal ein Chanson aus der Französischen Revolution, in dem ein junger Mann einem Mädchen seine Liebe gesteht. Bevor es ihn erhört, möchte es jedoch erst seinen politischen Standpunkt erfahren ... Joana, bekanntermaßen selbst eine großartige und vielseitige Künstlerin, setzte dann das Programm allein fort. In einem liebevollen Lied bedankt sie sich bei Marlene Dietrich für ihren konsequenten Antifaschismus. Die Chansonette zeigt auf, daß sie ihre Stimme nicht nur im Französischen und Hochdeutschen, sondern auch im Kurpfälzischen voll entfalten kann. Eine erste Kostprobe an diesem Abend lieferte sie mit dem Lied „Butzekrampl“, das sie sonst zusammen mit Joy Fleming singt, für die sie auch schon viele Lieder geschrieben hat. Kein Kuß für den Froschkänisch Ihr komödiantisches Talent stellte sie dann in dem Liedchen vom „Froschkänisch“ unter Beweis. Den will sie nämlich partout nicht küssen, denn – auf ein Leben als Prinzessin hat sie absolut keine Lust ... Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder lieben Joana's Stücke. Also schrieb sie eines „Fer's Jesuskind“, einfach und besinnlich. Verbotene Liebe In einem Lied, das von verratener Liebe erzählt, leidet man förmlich mit, so leidenschaftlich ist Joana's Vibrato. Ein Telefongespräch mit Joy Fleming inspirierte sie zum darauffolgenden Diät-Lied „Do fallt mr jo vom Flesch, ihr Leit!“ Da sie ohne Zugabe die Bühne nicht verlassen durfte, beklagte Joana in „Wolfgang und ich“ als „Mozarts Schwester Leopoldine“, wie dieser zu Ruhm und Ehren gelangte, und sie nicht einmal Dank dafür erntete, war doch sie diejenige, die alles komponiert hatte ... Elsaß, Kurpfalz, Odenwald Nach der Pause setzte sich das „internationale Programm“, das vom Elsaß, mit einem Schlenker über die Kurpfalz, bis zum Odenwald führte, fort bis hinaus zur Schwäbischen Alb. Die Liedpoeten Harald Immig und Claudia Pohl begannen ihr Programm in einem Duett mit der Bitte „Streif ab den Mantel der Befangenheit“. Es war ein gelungener Einstieg in die Lyrik, die sich auch im darauffolgenden Stück widerspiegelte. Darin wird Mut gemacht, die all täglichen Dinge gut zu meistern. Denn, auch wenn das Leben viele Fragen aufwirft, so hat es doch ebenso viele Antworten parat, „... Warum zweifelst du dann noch?“ In einem weiteren Stück „Über die Zufriedenheit“ wurde an jene glücklichen Momente erinnert, die zwar jedem Menschen in seinem Leben begegnen, aber doch manchmal schnell wieder vergessen sind. Seine heitere Seite zeigte Harald Immig in seinem Kultlied über den „Moscht“. Dabei lernt der Zuhörer, daß das schwäbische Nationalgetränk nicht nur ein Durstlöscher ist, sondern ein echtes Allheilmittel. Als nächstes stand das Volkslied „Rosemarin-Heide“ nach Herrmann Löns auf dem Programm. Spätestens hier wußte man, warum Harald Immig gerne als „Barde“ bezeichnet wird. Zum Abschluß der dritten „Mondphase“ machte das Duett Pohl/Immig darauf aufmerksam, „daß in dieser lauten Welt doch die Stille zählt“, denn „Die wahren Dinge sind ganz leise“. Sinnsprüche Für die Überleitung zum letzten Gast der „Nacht der Lieder“ blätterte Joana ein bißchen im Poesiealbum und gab einige „Sinnsprüche“ zum Besten. Begleitet von Ulf Weidmann am Flügel, heizte Pe Werner dann das Publikum mit „Weibsbilder“ an, ein Lied „Zum Thema Randgruppen in der Gesellschaft“ ... Pe Werner, die in keine Schublade paßt, hat ihre Wurzeln im Kabarett, was auch ihre Wortspielereien verdeutlichen. Rap zu Weihnachten Passend zur Saison stellt sie in einem „Weihnachts-Rap“ ihr großes komödiantisches Können unter Beweis. Sie beschreibt Schlußverkäufe, parodiert mit „Ich will mein Geld zurück“ einen Gesangskollegen und nimmt auch sonstige alltägliche Dinge auf die Schippe. Zum Kontrast stellte sie dann zwei ruhigere Stücke ihrer neuen CD vor. In dem ersten – „Sie hat ihre Lichter in's Fenster gestellt“ – wird klar: „Alter schützt vor Sehnsucht nicht“. In dem anderen klagt sie „Gelegenheit macht Liebe – und Leid“, dennoch „Ich werd das Gefühl ... für ihn ... nicht los“. Nach diesen leisen Zwischen tönen bricht dann aber wieder die Kabarettistin durch. Sie nimmt das Publikum mit zu einem Ausflug in die „Pseudo-Klassik“, denn, „Musik verbindet“. Hierbei zieht Pe Werner sämtliche Register, denn sie will „Hockenheim in Extase“ sehen. In ihrer Hobbythek lädt sie ein zum – „Wir knüpfen uns einen Ölteppich“. Damit wird ein jazziges Umwelt-Lied eingeleitet, in dem sie ignorantes Verhalten nach dem Drei-Affen-Prinzip „Nichts sehen, nichts reden, nichts hören“ deutlich kritisiert. Zum – geplanten – Abschluß ihres Auftrittes beschrieb sie in ihrem Hit noch einmal „Dieses Kribbeln im Bauch“. Wie gesagt, damit hätte der Abend eigentlich beendet werden sollen. Dem war aber nicht so: Als erste Zugabe erteilte sie allen Frauen, die noch einen Mann suchen, den Rat „Nehmen's n'Alten“. In der zweiten Zugabe machte sie allen lautstark klar: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann!“ In ihrer dritten Zugabe schließlich stellte sie in „Du bist ein Zauberer“ die Frage, „Was bleibt, wenn die Liebe geht?“ Stellt sich dann noch die Frage, was bleibt, wenn die Künstler gehen. Antwort: Ein Publikum mit einem lachenden und einem weinenden Auge ... (ca. 7.950 Anschläge)
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TEXT Adriana Rossi
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Badische Anzeigen Zeitung BAZ, 14./15.12.1994 |